Themenkreis:
    Die Alterung der Gesellschaft ist ökonomisch beherrschbar – Empirie statt Demagogie

     

    Referent: Prof. Dr. Gerd Bosbach

     

    Demografische Entwicklung - Realität und mediale Aufbereitung

     

    Wie ein Trommelfeuer hören wir es jeden Tag: Deutschland vergreist und schrumpft, wir be-kommen zu wenig Kinder und werden auch viel älter.

     

    Und die Lösungsvorschläge sind angeblich unausweichlich, entziehen sich also der politi-schen Debatte: Private Vorsorge muss her, die realen Renten - Renten minus Inflation und zu-sätzliche Sozial- und Steuerabgaben - gehören reduziert. Und nicht zu vergessen: Arbeiten bis 67 muss sein. Im Gesundheitsbereich können die Kassen wegen der hohen Alterslast nicht mehr so viel finanzieren.
    Wer das nicht sieht, ist dumm oder verbohrt oder sogar beides. Einige Politiker und Wissen-schaftler gehen sogar noch weiter: Zusatzsteuer und Rentenreduktion für Kinderlose und eine Altersgrenze für medizinische Behandlungen sind ihre Einstiegsforderungen. Die Sündenbö-cke sind markiert: Die Kinderlosen und die "Alten", die auf unsere Kosten Mallorca bevölkern.


    Oft stehe ich fassungslos vor dieser Debatte: Systematisch werden positive Faktoren, obwohl augenscheinlich, ausgeblendet, werden simple logische Zusammenhänge übersehen, werden Zukunftsberechnungen mit der kommenden Wirklichkeit verwechselt, werden Fakten falsch oder irreführend dargestellt - Hauptsache dramatisch. Und bei den Lösungsideen werden not-wendige Grundvoraussetzungen, obwohl auch offensichtlich, höchstens am Rande erwähnt.


    Zwei Beispiele:


    1. Arbeitslosigkeit: Die Wirkung der Arbeitslosigkeit ist wesentlich stärker als die der demo-graphischen Entwicklung der nächsten 20 Jahre. Eine grobe Rechnung zeigt die Problematik. Heute stehen etwa 45 Millionen Erwerbsfähige (Menschen zwischen 20 und 60 Jahren) 20 Millionen Älteren (ab 60 Jahre) gegenüber. Die vermeintliche Demographie-Dramatik besteht darin, dass sich dieses Verhältnis in Zukunft zuungunsten der Erwerbsfähigen verschiebt. A-ber das passiert schon heute; der Auslöser ist allerdings die Arbeitslosigkeit! Denn die offi-ziell fünf Millionen Arbeitslosen sollte man nicht zu der Gruppe der Versorger rechnen; müs-sen den zu Versorgenden zugeschlagen werden. Kommen ohne Berücksichtigung der Arbeits-losigkeit auf einen Älteren 2,25 Erwerbsfähige, so ist das Verhältnis bei Berücksichtigung der Arbeitslosigkeit 1 zu 1,6. Das ist eine dramatischere Verschiebung der Relation, als für die natürliche Bevölkerungsentwicklung in den nächsten 20 Jahren vorausberechnet!


    Offensichtlich würde ein Abbau der Arbeitslosigkeit heute die produzierte Güter- und Dienstleistungsmenge erhöhen, also zum Wohlstand beitragen. Ein Zusatzeffekt wäre, neben der Senkung der Beiträge für die Arbeitslosenversicherung, ein Absinken des Rentenversiche-rungsbeitrages, da es mehr Einzahler gäbe.


    Wer die Senkung der Arbeitslosigkeit für eine Illusion hält, sollte nicht von zu wenigen Ver-sorgern reden. Statt der fehlenden Kinder könnten ja die Arbeitslosen zur Versorgung beitragen. Das Thema Demographie ist also maximal zweitrangig.


    2. Die Generation, die 2050 die "vielen Alten" zu ernähren hat, lernt heute für diese Aufgabe, befindet sich jetzt in Schule, Lehre oder leider oft auch auf der Straße bzw. in wenig effekti-ven Versorgungseinrichtungen. Um die "vielen Alten" später aber ernähren zu können, brauchte die Jugend heute eine hervorragende Ausbildung. Statt dessen: Ausfallende Schul-stunden, marode Schulgebäude, überforderte und teilweise ausgebrannte Lehrer, Mangel an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, dramatisch überfüllte Hochschulen, und zur Kaschierung der Misere im Bildungsbereich ein paar medienwirksame Tropfen auf den heißen Stein.1)


    Politiker und Unternehmer, die wirklich Angst vor der demographischen Entwicklung haben, müßten im Bildungsbereich klotzen und nicht kleckern. Und das jetzt, sofort. Ansonsten ha-ben wir schon vor 2050 wirklich riesige Probleme, das aber wegen der schlecht qualifizierten Erwerbstätigen! Geradezu aberwitzig sind Klagen über zukünftigen Facharbeitermangel, an-gesichts des massiven Abbaus von Ausbildungsplätzen. In einer Studie der Universität Jena zu alternden Belegschaften in Ostdeutschland wurde nach der Bereitschaft gefragt, Jugendli-che auszubilden oder junge Facharbeiter aus Polen oder der Tschechischen Republik einzu-stellen. Beides lehnten die Inhaber von Klein- und Mittelbetrieben überwiegend ab, gleichzei-tig wurde aber die alternde Belegschaft bedauert. Dem möchte ich eine finnische Weisheit entgegenhalten:  "Wir sind zu wenige, als dass wir es uns leisten könnten, nur ein einziges Kind in seiner schulischen Entwicklung aufgeben zu können."


    Abbau der Arbeitslosigkeit und intensive Bildung für Kinder und Jugendliche sind elementare Voraussetzungen zur Meisterung der Zukunft. Stattdessen verweisen Wirtschaft und Politik ständig auf die Demographie.


    Nach diesem, zugegebenermaßen emotionalen, Ausflug in die Politik möchte ich im folgen-den einige wichtige Faktoren aufführen, die in der öffentlichen Debatte so gut wie ausgeblen-det werden. 2) Faktoren, von denen jeder einzelne viel von der Dramatik nimmt. Gebündelt zeigen sie, dass die demographische Entwicklung nicht zu einem ökonomischen Problem füh-ren wird. Dies heißt nicht, dass die Zukunft rosig wird, aber falls nicht, darf die Ursache nicht bei den "vielen Alten" und wenigen Jungen gesucht werden.
    Die im Folgenden zitierten Fakten sind vom Statistischen Bundesamt oder dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Die zukunftsbezogenen Daten entstammen der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2003, mittlere Variante. Auf diese Variante beziehen sich fast alle in der öffentlichen Diskussion, auch die meisten Zukunftsskeptiker.


    Blick in die Vergangenheit


    Die Zukunft wird so düster gezeichnet, weil wir immer älter werden und immer weniger Kin-der bekommen. Den Älteren unter uns sollte das bekannt vorkommen. Es ist nämlich über-haupt nichts Neues. So stieg im letzten Jahrhundert die Lebenserwartung um mehr als 30 Jah-re; rechnet man die Erfolge bei der Verringerung der Kindersterblichkeit heraus, bleiben noch mehr als 20 Jahre zusätzlich bei der Lebenserwartung. Für die nächsten knapp 50 Jahre neh-men die Experten des Statistischen Bundesamtes eine Alterung von sechs Jahren an, also im Vergleich sehr wenig.


    Und was ist mit dem zweiten "Katastrophenanlass", der Verringerung der Kinderzahl? Sie werden es schon erraten: Der war im letzten Jahrhundert auch wesentlich stärker, als für die Zukunft berechnet. In Zahlen: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Bevölkerung sank von 1900 bis 2000 von 44 Prozent auf 21 Prozent und soll in der halben Zeitspanne bis 2050 auf 16 Prozent abfallen.


    Auch die Zahlen über die zu versorgenden über 65Jährigen sprechen eine klare Sprache: 1900-2000: plus 170%; Erwartung der Fachleute für die nächsten 50 Jahre: plus 77 Prozent, also auch anteilmäßig weniger als im letzten Jahrhundert!


    Konsequenz dieser Fakten: Wir haben im letzten Jahrhundert viel mehr verkraftet, als für die Zukunft erwartet wird. Und das bei massiv steigendem Wohlstand für alle und einem Auf- und Ausbau der Sozialsysteme. Altern und weniger Kinder erzwingen also mitnichten einen Abbau sozialer Leistungen.
    Bevor ich im nächsten Abschnitt auf die Gründe eingehe, möchte ich noch daran erinnern, dass es schon häufiger Versuche gab, der demographischen Entwicklung den Schwarzen Peter zuzuschieben.


    "Sozialstaat in der Sackgasse - Wer zahlt morgen die Renten?", titelte 1959 eine große öster-reichische Zeitung, und im Familienbericht der Bundesregierung von 1967, zu Zeiten der ers-ten Großen Koalition, ist zu lesen: "Der Anteil der Kinder hat sich ständig vermindert, der Anteil der älteren Personen ist stetig gewachsen. ... 1871 waren etwa 5 v.H. der Bevölkerung über 65 Jahre alt, 1967 betrug der Anteil älterer Menschen mit über 12 v.H. mehr als das Doppelte." Auch Helmut Schmidt wollte um 1980 negative Entwicklungen mit der Demogra-phie erklären, wurde glücklicherweise aber von seinen Beratern gestoppt. Heute ist das The-ma wieder gefunden und wird in gut geplanten Kampagnen medial verbreitet.

     

    "Vergessene" Faktoren bei der Zukunftsbetrachtung

     


    Wenden wir uns jetzt der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes bis zum Jahre 2050 zu. Aus dieser leiten fast alle "Dramatiker" ihren ängstlichen Blick auf die Zukunft ab. Auf die Zahlen beruft sich die Bundesregierung, wenn die Sozialsysteme "umge-baut" werden. Nehmen wir an, die Vorhersagen würden genau so eintreten, wie vom Statisti-schen Bundesamt ausgerechnet. Dann würde die Bevölkerung von heute 82 Millionen Ein-wohnern auf 75 Millionen im Jahre 2050 sinken. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen sänke von 21 auf 16 Prozent. Klingt schon mal gar nicht so dramatisch, wie oft formuliert. Aber mit einem sehr eingeschränkten Blickwinkel kann man doch noch das Drama entdecken: die vielen Alten und, dadurch bedingt, eine zu hohe Versorgungslast.


    Auf 100 Erwerbsfähige kommen heute 44 über 60Jährige, und 2050 werden es 78 sein. Das entspricht einer Zuwachsrate von 77 Prozent. Untragbar!
    So oder so ähnlich begründen die Zukunftspessimisten, die noch Fakten benutzen, ihre Angst. Klingt auch schlimm, betrachtet aber nur ein einziges Merkmal, und das auch noch statisch! Dass eine Gesellschaft sich in 44 Jahren verändert und durch mehr als eine Komponente be-schrieben wird, muss zwecks Panikmache ausgeblendet werden.

     

    Was wird mit dieser Blickweise übersehen?

     

    • Nicht nur die Versorgung der Älteren durch die Erwerbsfähigen ist zu berücksichtigen. Auch Kinder und Jugendliche müssen ernährt werden, brauchen Kindergarten, Schulen, Uni-versitäten mit entsprechendem Personal und vieles mehr. Deshalb widerspiegelt erst der Ge-samtquotient, sprich das Verhältnis der Jungen und Alten zu den Erwerbsfähigen, die finan-zielle Belastung richtig. Während der Quotient Ältere zu Erwerbsfähigen bis 2050 um drama-tisch wirkende 77 Prozent steigt, klettert der realistischere Gesamtquotient nur um 37 Prozent. Allein die Einbeziehung dieser simplen statistischen Weisheit halbiert schon das angeblich so dramatische Zahlenverhältnis.
    • Noch überraschender ist der nächste Trick: Bei ihren Berechnungen nehmen die Dramatisie-rer nämlich immer an, dass das Renteneintrittsalter 2050 gleich dem heutigen ist. Sie nehmen für ihre Horrorzahlen an, dass die Menschen entsprechend den Annahmen des Statistischen Bundesamtes 2050 sechs Jahre länger leben, dass dadurch die Erwerbsfähigen überfordert sind, es also Arbeitskräftemangel gibt, aber keinen Tag länger gearbeitet werden muss! Selbst der vorzeitige Ruhestand, wie heute oft erzwungen, bleibt in ihren Zahlen vollständig erhal-ten. Das ist natürliche eine irrwitzige Rechnung, die der Diskussion über Rente mit 67 auch völlig widerspricht. Aber was tut man um der Effekte willen nicht alles? Berücksichtigt man, wie vom Statischen Bundesamt gleichfalls berechnet, eine Angleichung des heutigen tatsäch-lichen Renteneintrittsalters (ca. 60 Jahre) an das gesetzliche (65 Jahre) im Jahre 2050, so ver-liert die demographische Entwicklung vollends an Dramatik. Der Gesamtquotient stiege dann nur noch um knapp vier Prozent! Auf gut deutsch: In 49 Jahren 3) wären pro Erwerbsfähigen vier Prozent mehr Leistung zu erbringen. Das entspricht einem jährlichen Leistungszuwachs von 0,08 Prozent. Rechnet man für 2050 mit dem Renteneintrittsalter 63, so müsste jeder Er-werbsfähige pro Jahr 0,29 Prozent Versorgungslast mehr meistern. Was darüber hinausgeht, käme ihm oder seinem Arbeitgeber zugute.
    • Würde es stimmen, dass 2050 die "wenigen" jungen Menschen mit der Versorgung überfor-dert wären, so müsste die Arbeitslosigkeit stark sinken. Auch dies rechnen die Dramatiker nicht ein. Arbeitslosigkeit macht das heutige Verhältnis von Versorger zu Versorgenden schlechter, die Entwicklung bis 2050 verliefe also wesentlich undramatischer.
    • Und ebenso wird die Steigerung der Produktivität von Erwerbstätigen in der Diskussion völ-lig übersehen. Die für die Erfolge der Vergangenheit verantwortliche Tatsache soll in Zukunft keine Rolle mehr spielen! Dabei würde selbst eine geringfügige Steigerung von 1,25 Prozent pro Jahr (Prognose der Herzog-Kommission) in 50 Jahren die Leistung jedes Erwerbstätigen um 86 Prozent steigen lassen. Und davon könnten Junge und Ältere gleichermaßen profitie-ren, einschränken müsste sich keiner.
    • Wer glaubt, es gäbe in Zukunft keinen Fortschritt mehr, übersieht nicht nur die vielen schon heute bekannten Trends, sondern hat eigentlich mit der Zukunft bereits abgeschlossen. Er ig-noriert weiterhin, dass ein auf Wettbewerb basierendes Wirtschaftssystem zwangsläufig Neu-es entwickeln muss, die Produktivität des Einzelnen also steigert. 4)


    In der konkreten Berechnung ergab sich, dass allein die beiden erstgenannten Faktoren - Ein-beziehung der Jugendlichen und Veränderungen des Renteneintrittsalters - nichts mehr von den dramatischen Zahlen übrig lassen. Auch die alleinige Berücksichtigung einer niedrigen Produktivitätssteigerung widerlegt den Zukunftspessimismus. Und zusätzlich könnten der Abbau der Arbeitslosigkeit und eine Erhöhung des in Deutschland niedrigen Frauenerwerbs-anteils positiv wirken.


    All diese massiven Einflussfaktoren werden in der öffentlichen Mainstream-Diskussion kom-plett ausgeblendet. Dass diese Faktoren trotzdem wirken, zeigt auch eine einfache gesamt-wirtschaftliche Betrachtung:


    Da die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten sinken wird, würde selbst bei einer nicht mehr wachsenden Volkswirtschaft ("Nullwachstum" des Bruttoinlandsproduktes) jeder - gleich, ob jung oder alt - mehr bekommen können. Diese einfache Divisionsrechnung - glei-cher Kuchen, aufgeteilt auf weniger Leute - stimmt übrigens immer noch, wenn man einen festen Anteil des Bruttoinlandsproduktes nicht der Bevölkerung, sondern den Arbeitgebern zuordnet, beispielsweise wie heute ca. 30 Prozent. Dann können in Zukunft die restlichen 70 Prozent auf weniger Leute aufgeteilt werden, also mehr für jeden. Und es kann ja eigentlich nur noch besser werden, da ein dauerhaftes "Nullwachstum" in einer Konkurrenzwirtschaft höchst unwahrscheinlich ist.

    Apropos Bevölkerungszahlen: Wir sind kein aussterbendes Land. Das Statistische Bundesamt geht in seiner Hauptvariante von einem Rückgang von 82 auf 75 Millionen Menschen in Deutschland aus. Das sind weniger als zehn Prozent Abnahme in 50 Jahren in einem der be-völkerungsreichsten Länder Europas, gemessen in absoluter Bevölkerungszahl, aber auch be-zogen auf die Fläche. Und auch die erwartete Anzahl von 12.100.000 Kindern und Jugendli-chen verheißt keinesfalls ein Land ohne Kinderlächeln. Vielleicht schafft das bisschen mehr Platz sogar positiven Gestaltungsraum. Zumindest in den heute überwiegend hoffnungslos überfüllten Hochschulen könnte die Arbeit deutlich effektiver werden.


    Und noch eine weitere Tatsache des Statistischen Bundesamtes ist in der öffentlichen Diskus-sion bewusst oder unbewusst nicht angekommen: Das nennenswerte Ansteigen der Rentner-zahlen erfolgt frühestens 2025, wenn die geburtenstarken Jahrgänge von Anfang der 1960er Jahre in Rente gegangen sind. Ist diese undramatische Entwicklung der nächsten zwei Jahr-zehnte der Grund, dass alle nur auf das Jahr 2050 blicken und sich für Zwischenwerte kaum interessieren?

     

    Zur Sicherheit von Langfristprognosen

     


    Bei der ganzen Demographie-Diskussion wird weiterhin so getan, als sei die Entwicklung bis 2050 schon fest vorprogrammiert, als gebe es also keine Bewegungsspielräume mehr. Dass dem bei weitem nicht so ist, zeigen nicht nur der Vergleich früherer Voraussagen mit der tat-sächlichen Entwicklung, sondern auch ganz einfache Überlegungen:

     

    • Vorhersagen der Bevölkerungsentwicklung sind nichts anderes als Modellrechnungen, die bekannte Trends fortschreiben. Strukturbrüche können sie nicht prognostizieren. Eine 50-Jahres-Prognose aus dem Jahr 1950 hätte weder den Pillenknick noch den Babyboom, weder den Zustrom ausländischer Arbeitnehmer und osteuropäischer Aussiedler noch den Trend zu Kleinfamilie und Single-Dasein berücksichtigen können. Eine Berechnung von 1900 für das Jahr 1950 hätte sogar zwei Weltkriege übersehen müssen. Nur heute wird anmaßend behaup-tet, man könne trotz unserer schnelllebigen Zeit so weit in die Zukunft genauestens voraus-schauen. Dumme Frage: Würden Sie einer Vorhersage Konrad Adenauers aus dem Jahre 1956 (!!!) für heute trauen? Wenn ja, lesen Sie mal bei ihm nach. Wenn nein, warum glauben Sie heute an die Vorhersagekraft?
    • Zwei der wichtigsten Stellschrauben des Rechenmodells der Statistiker - die Kinderzahl pro Frau und die Zuwanderung von Ausländern - können von der Politik zumindest teilweise be-einflusst werden. Beispielsweise durch kinderfreundliche Maßnahmen oder aktive Zuwande-rungspolitik bei Arbeitskräftebedarf. Dass Bevölkerungsprognosen unsicher sind, wissen auch die Fachleute des Statistischen Bundesamtes. Deshalb haben sie in ihren Rechnungen im Jah-re 2003 neun verschiedene Varianten durchgerechnet. Die Spannbreite der Ergebnisse für 2050 reicht von 67 bis 81 Millionen Menschen, die Differenz beträgt also 14 Millionen Per-sonen. Von Sicherheit keine Spur! Erkennbar ist diese Unsicherheit auch an gravierenden Re-visionen in der Vergangenheit. So errechnete beispielsweise das Amt in seiner 7. Vorausbe-rechnung für das Jahr 2030 einen Bevölkerungsstand von 69,9 Millionen Einwohnern. Nur zwei Jahre später, in der 8. Vorausberechnung, lag der Wert je nach Variante um 3,8 bis 11,2 Millionen höher!


    Die zukünftige Entwicklung ist also nicht strikt determiniert, wie uns die Auguren der Bevöl-kerungskatastrophe ständig einreden wollen. Zukunft wird gemacht, von der Politik, der Wirt-schaft und von uns.

     

    Gewinner der Demographie-Diskussion

     


    Sieht man sich die vorgebrachten Argumente in Ruhe an, kann man sich über die öffentliche Diskussion nur wundern. Da wird direkt neben einer Grafik über die Entwicklung der Le-benserwartung im letzten Jahrhundert (plus 30 Jahre) in einem Artikel beklagt, dass die jetzt um ca. sechs Jahre älter werdende Gesellschaft nicht mehr finanzierbar sei. Da schreibt "Die Welt" auf der Titelseite: "Wenn die Geburtenrate hierzulande auf dem derzeitigen Niveau verharrt, dann schrumpft die Bevölkerung in den nächsten drei Jahrzehnten um mindestens ein Drittel"; wobei das Statistische Bundesamt mit den gleichen Annahmen von weniger als minus zehn Prozent in 49 Jahren ausgeht. Schirrmacher redet über Scharen von 110jährigen Frauen; Müntefering weiß, dass von den heute geborenen Mädchen jedes zweite 100 Jahre alt wird. Die neue Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes spricht allerdings nur von 1,3 Pro-zent der Menschen, die das hundertste Lebensjahr erreichen. Angeblich haben wir weltweit die niedrigste Geburtenrate - in der EU der 25 stehen wir nach Angabe des Statistikamtes der Europäischen Gemeinschaft damit allerdings auf Platz 14. Und so weiter und so fort. Horren-de, den Tatsachen widersprechende Behauptungen gibt es wöchentlich in Hülle und Fülle. Auch renommierte Institute und Wissenschaftler, dpa und seriöse Zeitungen beteiligen sich an der Verbreitung offensichtlicher, keiner Prüfung standhaltender Fehlmeldungen. Zur Zeit scheint es fast einen Wettbewerb um die dramatischste Meldung zu geben, der Wahrheitsge-halt ist Nebensache.

    Dass die Fehler weitgehend unbemerkt bleiben, hat mindestens zwei Ursachen:

     

    1. Jeder sieht, dass wir älter werden und die Kinderzahl sinkt. Also war man schon 2003 be-reit, entsprechende negative Meldungen zu akzeptieren. An Negativ-Meldungen gewohnt - das Positive wurde ja fast immer unterschlagen -, konnte die Prise Panik langsam erhöht wer-den. Ähnlich einer Gewöhnung an Horror-Filme ist man mit der Zeit bereit, immer mehr zu schlucken. Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, dass so abstruse Meldungen wie die obige von fast allen einfach geglaubt werden. Teilweise sogar, obwohl die widersprechenden Fakten bekannt sind. Man weiß, dass Spanien und Italien niedrigere Geburtenraten als Deutschland haben, akzeptiert aber intuitiv, dass wir weltweit an letzter Stelle stehen.
    2. Es gibt viele einflussreiche Gewinner der Demographie-Debatte. In vorderster Linie natür-lich die privaten Rentenversicherer. Wer will ihnen auch verdenken, dass sie von dem großen Kuchen der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) - 2004 ungefähr 240 Milliarden Euro - ein möglichst großes Stück haben wollen? Und dazu ist es nötig, in allen Köpfen zu veran-kern, dass die Gesetzliche Rentenversicherung das Problem der Demographie nicht lösen kann. Allianz hat Mitte März den Erfolg schon gefeiert: "Die wachsende Nachfrage nach pri-vater Altersvorsorge hat der Allianz 2005 zu kräftigem Wachstum verholfen", berichtet dpa über eine Mitteilung des Versicherers.


    Aber auch die anderen Finanz-Dienstleister haben großes Interesse an Geldzuflüssen von au-ßen. Denn ohne frisches Geld, wie z.B. durch die private Altersvorsorge, bleiben Aktienmärk-te ein Nullsummenspiel. Was der eine verdient, muss ein anderer verloren haben.


    Der Vorteil der Arbeitgeber, die sich über die private Vorsorge aus der paritätisch finanzierten Rente verabschieden, liegt auf der Hand und wird in der öffentlichen Diskussion auch nicht verheimlicht. Zu den Arbeitgebern zählen auch die kleinen und großen Betriebe der Medien-branche, manche arbeiten auch direkt mit der Versicherungswirtschaft zusammen. Von diesen neutrale Information zu erwarten, hieße zu hoffen, dass sie gegen ihre eigenen finanziellen In-teressen verstoßen. Außerdem verkaufen sich Katastrophenberichte wesentlich besser als harmlose Meldungen, wie mir auch persönlich aus einem großen Verlagshaus mitgeteilt wur-de.


    Dass Politiker die Entwicklung nutzen, verwundert Kenner der Szene nicht. So konnte Frau Schmidt 2003 die Kürzungen im Gesundheitsbereich als Vorbereitung auf die demographi-sche Entwicklung des 21. Jahrhunderts darstellen, obwohl es eigentlich eine Reaktion auf lee-re Kassen war. Und als Gerhard Schröder stolz verkündete, er werde Deutschland "zukunfts-fest" machen, wusste er nicht, wie er die Probleme der nächsten Monate mit Staatseinnahmen, Arbeitslosigkeit und Mangel an Ausbildungsplätzen in den Griff bekommen sollte. Abzulen-ken von den heutigen, realen Problemen und dabei noch weise voraus denkend zu wirken, was will man eigentlich mehr?


    Die Liste der Nutznießer ließe sich noch fortsetzen, aber schon die aufgeführten machen deut-lich: Hier geht es nicht um Wahrheit, sondern um Nutzen. Geld und Einfluss, um die eigenen Interessen als kluge Reaktion auf die "objektiven Notwendigkeiten" darzustellen, haben die Genannten allemal. Jüngstes Beispiel sind die Meldungen aus dem "Berlin-Institut für Bevöl-kerung und Entwicklung" vom März 2006. Bei der Vorstellung ihres Buches "Die demogra-phische Lage der Nation" lieferten sie der Presse eine Reihe von Horrormeldungen. Bei-spielsweise zur Geburtenrate: "... liegt Deutschland seit über 30 Jahren weltweit auf dem letz-ten Platz". Ein Blick in das Statistische Jahrbuch des Bundesamtes hätte genügt, das als Falschmeldung zu erkennen.


    Wenig Vertrauen erweckt auch die Überschrift "NACH DEM MENSCH KOMMT DER WOLF" in der auf der Pressekonferenz ausgeteilten Kurzfassung: eher ein Appell an mensch-liche Urängste als ein bevölkerungswissenschaftlicher Beitrag. Das Presseecho war trotzdem riesig. Fast überall auf Seite 1 oder am Beginn der Nachrichtensendung, reihenweise Talk-shows zum Thema, oft mit dem Leiter des Berlin-Instituts. Wie kam es dazu? Das Institut wurde im August 2000 mit privaten Geldern der Falk- und Marlene-Reichenbach-Stiftung ge-gründet und von der "Hewlett Foundation institutionell gefördert". Die Aufgabenstellung kann man auf ihrer Webseite lesen: "Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung verfolgt das Ziel, die öffentliche Wahrnehmung der weltweiten demographischen Verände-rungen zu verbessern." Also ein privates Meinungsbildungsinstitut, in der Öffentlichkeit aber als neutrale, wissenschaftliche Denkfabrik dargestellt. Wer sich hinter den Gründern und heu-tigen Geldgebern (u.a. Robert Bosch Stiftung, Software AG Stiftung) genau verbirgt, ist un-klar. Aber sie haben genug Geld und Einfluss, leicht nachweisbare Lügen eines privaten Think Tank über fast alle Medien als wissenschaftliche Analyse darstellen zu lassen! Über die nachfolgende "Klarstellung" des Instituts, mit Bedauern über die "Verwechslung von Daten", konnte man dagegen so gut wie nichts lesen.


    Was können wir als Gesellschaft tun?


    Die Dramatisierungs-Kampagne als solche entlarven. Denn Rentner und Kinderlose als Sün-denböcke zu geißeln, ist nicht nur geschmacklos, sondern sogar gefährlich, wenn man keinen Krieg der Generationen will. Außerdem haben wir ja zumindest im Westen von allen zu viel: Kinder, die einen Tagesplatz suchen; Schüler, die Betreuung brauchen; Studenten in den Vor-lesungen und Prüfungen; Lehrstellensuchende, Arbeitsplatzsuchende und Rentner. Warum ei-ne der schwachen Gruppen heraussuchen und geißeln?
    Von der Politik ist zu fordern, die vorhandenen Kinder optimal zu fördern: Mit Plätzen in Ki-Tas und Kindergärten, mit ausreichend Lehrern in modernen Schulen, mit genügend qualifi-zierten Ausbildungsstellen und Hochschulen, in denen Platz ist und der Lehrkörper auch mal Zeit für Gespräche mit den Studenten hat. Das würde die Jugend "zukunftsfest" für ihre späte-ren Versorgungsaufgaben machen. Und daraus könnte eine optimistische Generation erwach-sen, die anders über Kind-Sein und Kinder bekommen denkt.


    Nachdenkenswert ist das Argument vieler Studentinnen: "Kinder ja, aber erst, wenn ich einen Partner habe und zumindest einer von uns einen sicheren Arbeitsplatz hat." Ist die Verlänge-rung der Probezeit auf zwei Jahre oder die geforderte bundesweite Mobilität von Arbeitslosen deshalb nicht schädlich?
    Und selbstredend wird es keine gesellschaftliche Problemlösung geben, wenn die Massenar-beitslosigkeit bleibt. Die Rezepte der letzten 15 Jahre haben versagt, durch eine Erhöhung der Dosis wird es auch nicht besser werden. Da sind neue Lösungen zu suchen. Sicherlich eine schwere Aufgabe, aber ohne deren zumindest teilweise Lösung erhöhen mehr Kinder langfris-tig nur die Arbeitslosenzahl.


    Rente mit 67 ist sicherlich kein gescheiter Beitrag. Beispielsweise werden in NRW durch frü-here Einschulung, Verkürzung der Jahre zum Abitur und die kürzeren Bachelor-Studiengänge Akademiker drei Jahr früher auf dem Arbeitsmarkt sein. Und dann noch zwei Jahre länger ar-beiten; wo sollen die Arbeitsstellen denn alle herkommen?

    Aber vor allem heißt es: klaren Kopf behalten und nicht in Panik verfallen. Stärken und Schwächen analysieren und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Wir sind ein Land mit guten Facharbeitern, Ingenieuren und Forschern, ein Land mit überwiegend guter Infrastruktur, ho-her Arbeitsdisziplin und weltweiten wirtschaftlichen Erfolgen. Darauf könnten wir aufbauen.

     

    Anmerkungen

     

    1. Wem ein sachlich nüchterner Stil mit mehr statistischen Fakten besser liegt, den verweise ich auf meinen Aufsatz mit Klaus Bingler in (1) oder die kürzere Version (2).
    2. In diesem Aufsatz wird nicht zwischen Ost- und Westdeutschland differenziert. Die vor-handenen Unterschiede sind Folge des wirtschaftlichen Geschehens und haben nichts mit der allgemeinen demographischen Entwicklung zu tun.
    3. Die irritierend wirkenden Abstände zu 2050 erklären sich leicht: Die Rechnungen des Sta-tistischen Bundesamtes basieren auf der Bevölkerung des Jahres 2001, die Veröffentlichung erfolgte zwei Jahre später, und jetzt haben wir bereits das Jahr 2006.
    4. Konkrete Berechnungen dazu sind in (1) und (2) enthalten.

     

    Literatur


    (1) Klaus Bingler, Gerd Bosbach: Kein Anlaß zu Furcht und Panik - Fakten und Mythen zur "demographischen Katastrophe", in: Deutsche Rentenversicherung (Hg.: Verband Deutscher Renten-versicherungsträger) 11-12/2004, S. 725-749


    (2) Gerd Bosbach: Demographische Entwicklung - nicht dramatisieren!, in: Gewerkschaftli-che Monatshefte 2/2004, S. 96-103; unter: www.nachdenkseiten.de/cms/upload/pdf/gbosbach_demogr.pdf

     

    (3) Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis 2050, 10. koordinierte Bevölke-rungsvorausberechnung, Presseexemplar, 2003; unter:
    www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2003/Bevoelkerung_2050.pdf